Inklusion – Miteinander leben. Voneinander lernen.

Was Inklusion für uns bedeutet erklärt Stan Albers, Diplom-Heilpädagoge und langjähriger Mitarbeiter in wechselnden Führungspositionen der IFB-Stiftung. 

Teil 3 – Pragmatische Lösungen, jetzt!

PR-Referentin IFB: Herr Albers, was heißt pragmatische Lösungen?

Stan Albers: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Unser Schulsystem ist schwerfällig. Da wird beispielsweise für die Einführung Unterstützter Kommunikation an einer Schule zunächst ein Zeitplan erstellt. Nicht selten müssen dann als erstes die Vorbedingungen für die Vorbedingungen für die einleitenden Verhandlungen festgelegt werden. Und ehe man sich versieht, sind schon wieder Ferien. Während dieser Planungs- und Ferienphase warten Kinder mit Behinderung auf die Unterstützung ihrer Kommunikation.

Was ist Unterstützte Kommunikation?

Unter dem Oberbegriff Unterstützte Kommunikation werden alle pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen zusammengefasst, die Menschen mit Behinderung bei der Kommunikation helfen, deren verbale Fähigkeiten aufgrund einer Schädigung nicht oder nur gering ausgebildet sind.

Warum ist diese Bürokratie ein Problem?

Weil Kinder mit Behinderung auf Lösungen warten müssen, die sie dringend brauchen, Lösungen, die verfügbar, die umsetzbar sind. Sie verpassen wichtige Entwicklungsschritte in ihrem Leben. Die Schule hält alle Fäden in der Hand, aber es passiert zu wenig und vor allem, es dauert alles zu lange. Die Kinder werden ihrer Rechte auf eine optimale Entwicklung beraubt. Das ist keine Ausnahme, das ist leider die Regel. Mit dem Schulbeginn 2011/2012 haben Eltern ein Schreiben des Hessischen Kultusministeriums bekommen, in dem von einer "behutsamen Umsetzung" der Inklusion in Hessen die Rede ist.

Wörtlich heißt es in dem Elternbrief: "Der Umsetzungsprozess wird viele Jahre dauern und muss sorgfältig vorbereitet werden."

Heute leben Menschen mit Handicap in zunehmendem Maße in barrierefreien Wohnanlagen, werden mobil betreut und sehen außer dem Betreuungs- und Pflegepersonal niemanden. Dabei war eigenständig zu leben in ihrer Kindheit nicht selbstverständlich. Soziale Kontakte zu pflegen, so eigenständig wie möglich zu leben und in dem Maße wie es ihnen möglich ist Verantwortung zu übernehmen, darauf sind sie in ihrer Kindheit nicht vorbereitet worden.
Während die Schule über die Einführung unterstützter Kommunikation diskutiert, vergeht wertvolle Zeit – Zeit, die Kinder mit Behinderung nicht haben! Wenn behutsame und sorgfältige Umsetzung heißt, dass die Verantwortlichen noch lange über Inklusion reden, statt zu handeln, statt bereits heute umsetzbare Lösungen zu forcieren, dann vergeht wertvolle Zeit, die Kinder mit Behinderung nicht haben.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Wir sollten nicht länger warten mit der Schaffung einer inklusiven Welt. Und wenn es keine optimale Lösung, wenn es die perfekte Lösung nicht gibt, dann müssen wir improvisieren. Wir brauchen pragmatische, im Alltag anwendbare und finanzierbare Lösungen.

Zum Beispiel?

Schauen Sie sich die Chronik der IFB an. Wir haben in der Vergangenheit viele Einrichtungen in Wiesbaden und Leipzig übernommen, die als aussichtsloses Unterfangen galten. Und auch der jüngste Bereich der IFB, Löwenmut, belegt unseren Ansatz: 

Als Wolfgang Groh, Vorsitzender der IFB, 2005 zufällig einen in Klipriver lebenden Deutschen, Kurt Riechert, im Wiesbadener Kurhaus kennenlernte und von diesem stellvertretend für die IFB eingeladen wurde, sich ein Bild von den Lebensbedingungen von Kindern mit Behinderung vor Ort zu machen, ist das der Beginn von Löwenmut in Südafrika. Wolfgang Groh ist nach Klipriver gereist und hat dort gesehen, wie dringend Kinder mit Behinderung und schwerstkranke Kinder Hilfe brauchen. Er ist zurückgekommen nach Wiesbaden und hat gesagt: Dort brauchen sie unsere Hilfe. Dort helfen wir. Es war Zufall, dass Wolfgang Groh ausgerechnet nach Klipriver, 25 Kilometer von Johannesburg entfernt, gereist ist. Er hat nicht nach den Bedingungen gefragt, nicht nach Kosten oder Herausforderungen, er hat gesagt: Wir machen das. Und am 1. September 2011 haben wir das erste Kinderhospiz in Klipriver eröffnet, in dem wir behinderte und schwerstkranke Kinder beherbergen. Das ist Pragmatismus. Dafür steht die IFB seit über 50 Jahren und so packen wir seit über 50 Jahren Inklusion an.

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