Inklusion: Miteinander leben. Voneinander lernen.

Was Inklusion für uns bedeutet erklärt Stan Albers, Diplom-Heilpädagoge und langjähriger Mitarbeiter in wechselnden Führungspositionen der IFB-Stiftung. 
 

Teil 2 - Inklusion heißt auch, Menschenrechte zu wahren

PR-Referentin IFB: Herr Albers, die UN-Behindertenrechtskonvention ist eine Menschenrechtskonvention. Was bedeutet das für die IFB?

Stan Albers: Das bedeutet allgemein, wenn diese Rechte nicht gewahrt werden, geht es Menschen mit Behinderung schlecht.

Inwiefern?

Früher lebten Menschen mit Behinderung – Kinder und Erwachsene –  überwiegend in Heimen. Sie wurden dort 24 Stunden am Tag betreut, sieben Tage die Woche. Dann stellte der Staat fest, dass diese Art der Unterbringung auf die Dauer zu teuer ist. Die Behinderten sollten in zunehmendem Maße selbstständig wohnen, je nach Schwere der Schädigung. Man richtete mehr und mehr Wohnanlagen mit behindertengerechten Einzelappartements ein und reduzierte die Betreuung auf ein Minimum, ein bis zwei Stunden am Tag. In der Folge wurden immer mehr Heime aufgelöst.

Selbstständig leben und wohnen, das klingt doch gut. Warum sollte es Menschen mit Behinderung dadurch schlecht gehen? Über das eigene Leben selbst bestimmen zu können, das ist doch mit Inklusion gemeint, oder?

Das klingt erst mal gut, ja. Aber die erste Generation Menschen, die als Kinder in Heimen gelebt hat und die jetzt eigenständig wohnt, weiß überhaupt nicht, wie sie mit dieser Selbstständigkeit umgehen soll. Diese Menschen leben teilweise sehr isoliert von anderen – zwar selbstbestimmter als früher, aber vielfach auch isolierter als früher. Ohne das Maß an Ansprache, Zuwendung und Betreuung, mit dem sie aufgewachsen sind. Die Leute hocken da in ihren barrierefreien Einzelappartements und sehen außer ihrem Betreuer niemanden. Selbst diejenigen, die – rein auf die Schwere der Behinderung bezogen – ihre Wohnung alleine verlassen könnten, sich mit anderen austauschen könnten, kapseln sich ab, vereinsamen.

Was heißt das konkret?

Früher lebten Menschen mit schweren Behinderungen – Kinder und Erwachsene – überwiegend in Heimen. Aber die erste Generation Menschen, die als Kinder in Heimen gelebt hat und die jetzt eigenständig wohnt, weiß überhaupt nicht, wie sie mit dieser Selbstständigkeit umgehen soll. Die Leute fristen ihr Dasein in ihren barrierefreien Einzelappartements und sehen außer ihrem Betreuer nur wenige andere Menschen. Selbst diejenigen, die – rein auf die Schwere der Behinderung bezogen – ihre Wohnung alleine verlassen könnten, sich mit anderen austauschen könnten, kapseln sich oft ab und vereinsamen. Wenn ein Menschen keine gesunde Entwicklung nehmen darf, wenn ihm weder Rechte noch Pflichten vermittelt werden – ihm die Wahrnehmung seiner Rechte und Pflichten vorenthalten wird – lernt er nicht, sich als Bürger zu verhalten. Er fühlt sich nicht als Teil der Gesellschaft, weil er erstens nicht als vollwertiges Mitglied akzeptiert wird, wie er – oder sie – ist.  Und zweitens hat er oder sie nie gelernt, dass ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft im Rahmen seiner Möglichkeiten auch Pflichten hat, je nach Schwere der Schädigung Verantwortung für das eigene Tun und Handeln übernehmen muss.

Das heißt, der Mensch wurde als Kind so erzogen, dass er anders ist? Warum sollte sich dieser Mensch als Erwachsener in die Gesellschaft integrieren wollen, wenn er von klein auf außerhalb der Gesellschaft stand?

Genau. Das ist ein großes Problem, ein Problem aber, dass durch die Aussonderung der Menschen mit Behinderungen erst entsteht, und also gar nicht sein muss. Das ist wirklich eine klare Aussonderung, ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Dieser Verstoß produziert die Probleme, nicht die Menschen mit Schädigungen tun das. Wenn Kinder in den Förderschulen morgens mit dem Bus abgeholt werden, in eine Förderschule gehen, wachsen sie zwischen anderen Kindern mit Behinderung auf. Kinder lernen durch Nachahmung und es ist einfach zynisch, ein Kind mit Behinderung zur Nachahmung anderer Kinder mit Schädigung zu animieren. Diese Kinder sehen ihr Kinderleben lang keine nichtbehinderten Kinder. Das ist wirklich eine klare Aussonderung, ein Verstoß gegen die Menschenreichte.

Kinder lernen durch Imitation. Bedeutet das nicht im Umkehrschluss, dass nichtbehinderte Kinder in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden, wenn sie gemeinsam mit Kindern mit Behinderung unterrichtet werden?

Nein, der gemeinsame Unterricht schadet Kindern ohne Behinderung nicht, vorausgesetzt, er wird professionell durchgeführt. Im Gegenteil, zahlreiche Studien und auch die Erfahrung aus der Praxis belegen, dass alle Schüler, auch die ohne Behinderung, vom gemeinsamen Unterricht profitieren. Das gilt sowohl in Bezug auf die kognitiven Fähigkeiten als auch die sozialen Kompetenzen. Der wichtigste Grund für Inklusion ist, dass von dem schlichten Zusammensein mit nichtbehinderten Kindern ein Entwicklungsimpuls ausgeht, der allein mit therapeutischen Mitteln nicht realisierbar ist. Denn selbst wenn man nichts weiter macht, als ein Kind mit Handicap mit nichtbehinderten Kindern zusammen zu bringen, gibt das der Entwicklung des Kindes so einen enormen Entwicklungsschub, dass es verwerflich ist, Kindern das vorzuenthalten. Dieses Zusammensein mit Gleichaltrigen in Kombination mit einer individuellen Förderung ist ein Muss, wenn der Staat möchte, dass Erwachsene mit Behinderung zunehmend so selbstständig wie Erwachsene ohne Behinderung leben. Wir brauchen keine langwierige Einführung von Inklusion, wir brauchen Inklusion jetzt!


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