Inklusion – Miteinander leben. Voneinander lernen.

Was Inklusion für uns bedeutet erklärt Stan Albers, Diplom-Heilpädagoge und langjähriger Mitarbeiter in wechselnden Führungspositionen der IFB-Stiftung.

Teil 1 – Behinderung als Teil der Normalität.

PR-Referentin IFB: Herr Albers, Sie sagen, die Kernidee von Inklusion ist, dass Behinderung nicht außerhalb der Normalität angesiedelt ist. Für die IFB seien Behinderungen schon immer normal gewesen. Was meinen Sie damit?

Stan Albers: Die Grundidee von Inklusion ist, dass, wenn jeder Mensch als Teil der Gesellschaft so wahrgenommen wird, wie er ist, dann tritt eine Behinderung gar nicht erst in Erscheinung.

Das klingt kompliziert. Was bedeutet das konkret?

Behinderung ist keine Charaktereigenschaft, sondern Behinderung ist das Produkt einer gesellschaftlichen Ordnung. Das bedeutet, Menschen sind umso weniger behindert, umso weniger die Gesellschaft sie an den Rand drängt, weil sie sind, wie sie sind.

Können Sie das genauer erklären?

Die World Health Organisation, kurz WHO, geht bei ihrer Definition von Behinderung von drei Begriffen aus: Schädigung, Beeinträchtigung und Behinderung. Zugrunde liegt immer eine physische Schädigung. Die Schädigung bedingt eine funktionelle Einschränkung. Ein Beispiel: Würde mir ein Stück vom Zeigefinger fehlen, könnte ich auf meiner Computertastatur nicht mit zehn Fingern tippen. Es fehlt ein Stück vom Zeigefinger, das ist die Schädigung. Ich möchte mit zehn Fingern tippen, kann aber nur mit neun Fingern tippen, das ist die funktionelle Beeinträchtigung. Ich kann den Handgriff aufgrund einer Schädigung nicht so ausführen, wie ich möchte, bin also beeinträchtigt.

Und der dritte Begriff, die Behinderung?

Die Behinderung ist im Grunde der Überbau. Durch die funktionelle Beeinträchtigung – nicht mit zehn Fingern tippen zu können – aufgrund einer Schädigung – es fehlt ein Stück vom Zeigefinger – werde ich gesellschaftlich abgewertet, als behindert stigmatisiert.

Behinderung als soziales Konstrukt, ist das nicht übertrieben?

Ist es eben nicht! In dem Moment, wo, wie beispielsweise in Skandinavien, die Gesellschaft so ausgerichtet ist, dass Schädigungen und funktionelle Beeinträchtigungen nicht dazu führen, dass Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, sondern es als normal angesehen wird, dass Schädigungen vorkommen können, findet keine Stigmatisierung statt. Es kommt gar nicht erst zum Erblühen des Phänomens "Behinderung". Was wir aber auch nicht machen dürfen ist, eine physische Schädigung zu verharmlosen. Die Behinderung ist ein künstliches Konstrukt der Gesellschaft. Die Schädigung ist real. Schädigungen sind nicht nur eine andere Art des Seins, sondern eine Schädigung bedeutet, dass etwas kaputt ist.

Die Gesellschaft muss Schädigungen und darauf basierende funktionelle Beeinträchtigungen akzeptieren. Und weiter?

Menschen mit Schädigungen haben ein Recht auf die notwendige Förderung und Betreuung. Aber sie sollten diese nicht abgeschottet von allen anderen Menschen erhalten. Förderung muss in der Mitte der Gesellschaft stattfinden. Sie dürfen nicht in eine Parallelwelt abgeschoben werden. Mit Inklusion ist gemeint, dass alle Menschen in einer Welt leben, dass Kinder mit Behinderung gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung aufwachsen und in ihrem Umfeld die Förderung und Betreuung erhalten, die sie brauchen.

Was bedeutet das für die Arbeit der IFB? Seit wann ist Inklusion für Sie ein Thema?

Unsere Kindertagesstätten waren schon immer inklusiv ausgerichtet. Wir haben in unseren Einrichtungen Menschen mit Behinderung immer schon alle Menschenrechte zugesprochen, gemäß unseres Leitgedankens "So viel Selbstbestimmung wie möglich, so viel Betreuung wie nötig". Das bedeutet, der IFB fördert und betreut jeden Menschen in dem Maße, wie sie oder er es braucht. Wir tun nicht mehr und nicht weniger, als unseren Klienten dort zu helfen, wo sie alleine nicht weiterkommen. Das bedeutet, dass wir Menschen einerseits helfen, andererseits, mit Blick auf ein maximal selbstbestimmtes Leben, auch dort ein hohes Maß an Eigenverantwortung abverlangen, wo sie es leisten können.

Sie plädieren einerseits für die Wahrung der Menschenrechte aber andererseits auch für die Wahrung der Bürgerpflichten. Beides muss auch für Menschen mit Behinderung gelten?

Ja, genau. Nochmal: Behinderung darf nicht außerhalb der Normalität angesiedelt sein. Die UN-Behindertenrechtskonvention legt fest, dass Menschen mit Behinderung nicht länger als gesellschaftliche Randgruppe vernachlässigt werden dürfen. Es ist normal, dass sich unsere Gesellschaft aus ganz unterschiedlichen Gruppierungen zusammensetzt, heterogen ist. Und für jede Gruppierung, jeden Menschen, gelten grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten. Ob behindert oder nicht. Seit Bestehen der IFB, seit über 50 Jahren, ist dies unsere Philosophie, bestimmt dieser Leitgedanke die Arbeit der IFB-Stiftung Inklusion durch Förderung und Betreuung.

Das zeigt sich beispielsweise wie?

Der Wiesbadener Christian Groh löste vor über 50 Jahren die Frage, wie er seinem behinderten Sohn eine Schulbildung bieten kann, indem er eine Wanderlehrerin engagierte, die Karlheinz und weitere Kinder mit Behinderung zu Hause unterrichtete. Aus dieser privaten Elterninitiative ist im Laufe der Jahre eine Einrichtung geworden, die Menschen mit Behinderung in Wiesbaden und Umgebung in allen Phasen ihres Lebens begleitet, fördert und unterstützt. Die IFB hat sich aus dem Grundgedanken heraus entwickelt, dass Karlheinz Groh, der älteste Sohn von IFB-Gründer Christian Groh und Bruder des heutigen Vorsitzenden Wolfgang Groh, ein Recht auf Schulbildung im Rahmen seiner Möglichkeiten hat. Christian Groh hat dieses Recht für seinen Sohn eingefordert und seinen Sohn gleichzeitig gefordert, indem dieser beschult und zum Lernen angehalten wurde.


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